NORDPOL 2010 - BLOG

 

 

 

 

 

 

 

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Donnerstag, 15. April 2010: Zusatzferien in Longyearbyen

Am Morgen hat der Wind zwar wieder ein bisschen zugenommen, aber die Sicht ist gut, wir rufen um 8 Uhr in Barneo an, und jetzt ist es so weit: Gegen elf sollen wir abgeholt werden. Birgit singt zum letzten Mal ihr Morgenlied, zum letzten Mal frühstücken wir in unseren Schlafsäcken. Dann packen wir im Zelt zusammen, zurren alles auf die Schlitten und lassen das Zelt nur an ein paar Skiern verzurrt stehen als Windschutz mit zwei Kochern.
Um elf hören wir den Hubschrauber, Thomas läuft auf den angepeilten Landeplatz und schießt mit der Signalpistole, damit die Piloten uns orten können. Markus und Birgit packen das Zelt zusammen, dann laufen wir zum Helikopter. Die Barneo-Crew-Mitglieder fallen uns um den Hals und gratulieren uns, ein toller Moment.
Wir springen in den Hubschrauber, darin sitzt schon eine amerikanisch-kanadische Gruppe, die es nicht zum Nordpol geschafft hat - und Franz und Peter, die mitgekommen sind, uns abzuholen. Sie sind mit dem Hubschrauber zum Nordpol geflogen, und haben ansonsten ebenfalls aufregende Tage in Barneo erlebt: Denn das Camp musste zwischendurch komplett abgebaut und verlegt werden, weil sich quer durch die Zelte eine Rinne öffnete, genauso wie mitten durch die Landebahn.
Wir landen dann noch einmal auf dem Eis, wir holen Taucher ab, die mehr als eine Woche im Eis verbracht und spektakuläre Film- und Fotoaufnahmen gemacht haben. In Barneo muss es dann wiederum schnell gehen, die Antonov steht schon auf der Landebahn, und schon bald soll die zweite kommen. Heute fliegen gleich beide Maschinen, weil die der letzten Tage wegen des Sturms ausgefallen sind. Wir springen aus dem Hubschrauber, packen unsere Schlitten und laufen zum Flugfeld. Auf dem Weg gratulieren uns alle anderen der Barneo-Crew, die Piloten des Helis wollen uns unbedingt noch zum Borschtsch einladen, aber wir haben ja leider keine Zeit mehr. Schade ? ein kleines Fest in Barneo wäre noch schön gewesen, nach 2 Tagen herumliegen. Aber es ist eben wie so oft in der Arktis ? wait and hurry. Am Abend landen wir in Longyearbyen. Und wie es aussieht, werden wir hier auch erst einmal bleiben, wegen des Vulkanausbruchs in Island. Unser Flug heute Nacht wurde annulliert, und wie es aussieht, geht auch morgen noch keiner.
In grosser Eile räumen wir Teile unserer Ausrüstung auf, denn Thomas fliegt morgen wieder hinauf nach Barneo. Wir haben so Hunger, dass wir kaum denken können, die ersehnte Dusche muss sehr schnell passieren, dann gehen wir kurz essen. Zum ersten Mal wieder etwas, das man nicht erst mit heißem Wasser überschütten muss, damit es essbar wird. Draußen stürmt es. Drinnen ist es warm. Häuser sind auch nicht schlecht.
Wir haben eine wahnsinnig tolle Zeit hinter uns. Mehr kann man jetzt nicht mehr schreiben. Man kann es noch nicht in Worte fassen, was alles hinter uns liegt. Jetzt wollen wir schlafen, in einem Bett.

Mittwoch, 14. April 2010: Das Zeltleben fällt uns nicht schwer

Der Sturm hat die ganze Nacht das Zelt gebeutelt. Am Morgen ist die Sicht schlecht - keine Chance auf einen Hubschrauber. Also bleiben wir in unserem Tunnel, fotografieren noch ein bisschen den Sturm und liegen ansonsten in den Schlafsäcken und erzählen uns Geschichten. Richtig langweilig ist uns noch nicht, es ist eine Wohltat, sich ausstrecken zu können. Am Nachmittag schlägt Thomas vor, wir könnten ja auch Verstecken spielen im Zelt. Wir installieren ausserdem lustige Zeltregeln und wer dagegen verstösst muss 5 Minuten ohne Handschuhe vors Zelt. Von Victor haben wir erfahren, dass wir bisher die einzige Last-degree-Gruppe sind, die den Pol erreicht hat, alle anderen haben aufgegeben. Darauf gönnen wir uns erst einmal noch eine Mousse au chocolat. Am Abend flaut der wind ein bisschen ab, die Sicht wird besser. Jetzt beginnen wieder die 2-Stunden-Takt Anrufe mit Barneo. Die Russen wollen uns bei erster Gelegenheit holen. Auch die Antonov ist im übrigen seit Tagen nicht geflogen. 
Schlecht wäre es nicht, wenn wir hier langsam weg kämen. wir sind schon 34,1 km Richtung Südwesten gedriftet, seit wir am Pol waren. Und haben gerade die letzten beiden Hauptgerichte geteilt. Anderes Essen haben wir aber noch reichlich. Markus gefällt es in unserem Camp so gut, dass er am liebsten noch 5 Tage hierbleiben würde, sagt er. Aber wir hoffen jetzt mal, dass es doch schneller geht. Um 22 Uhr steht das nächste Telefonat an, dann sehen wir weiter. Es wird schön und schade sein, wenn es vorbei ist.

Dienstag, 13. April 2010: Warten auf Wetterbesserung

Der Tag ist vergangen gehackt in Abschnitte mit Anrufe in Barneo! Das Wetter aber bleibt zu schlecht zum Fliegen. Es stürmt, der Winde rüttelt heftig an unserem Zelt. Nur ganz kurz reisst es auf, aber nur hier bei uns und nicht in Barneo. Das kurze Fenster mit blauem Himmel nutzen wir um kurz aus dem Zelt zu schlüpfen, um wenigstens ein paar Fotos zu machen, denn bisher gab es gar keine von uns 3 am Ziel, wobei wir unser Ziel schon lange wieder verlassen haben! Abends um 19h ist unser kleines Lager schon wieder 13km nach Süden gedriftet. Wären wir gestern nicht weitergegangen, hätten wir den Pol vermutlich nicht mehr geschafft. Einige Zeit verbringen wir heute mit Rechnereien. Zählt man alle unsere Etappen, also 10 in 9 Tagen zusammen, sind wir 136,9 km weit gegangen, das ist allerdings die reine Luftlinie. Unser Hadern mit der negativen Drift, nimmt Thomas ganz gelassen. Das muss man anders sehen, alles Eis, das man überschritten hat, hat man hinter sich gebracht und auf langen Strecken gleicht sich alles wieder aus! Vielleicht hätten wir einfach noch weitergehen müssen! Um 20 Uhr telefonieren wir wieder mit Barneo, wie es aussieht. Bleibt das Wetter auch morgen schlecht, das heisst, wir können unser kleines Camp hier noch ein bisschen länger geniessen. Bei -20 Grad, wenn man den Kocher nur noch einschalten darf, um Essen zu kochen, damit das Benzin länger reicht, recht hart! Aber das kennen wir jetzt auch schon, denn das Klopapier rationieren wir schon seit 3 Tagen! Markus hat die letzte halbe Rolle in 3 Blattrationen aufgeteilt und unter uns verteilt! Es könnte sein, dass es hier noch zum Tauschhandel mit Essensbeutel gegen Klopapier kommt, aber wir sind zuversichtlich, dass wir zuvor ausgeflogen werden und zum Erzählen haben wir auch noch genug. Bis morgen!

(Tonaufzeichnung)

Montag, 12. April / Dienstag, 13. April 2010: Am Ziel!

Nach 6 Std. Schlaf klingelt um 3h der Wecker . Um 6.30h gehen wir los. Es weht ein mächtiger Wind, die Temperatur liegt unter -20 Grad. Markus hat Frostbeulen im Gesicht. Das englische Wort «Frostbites» wäre passender, denn die Kälte schlägt nicht - sie beisst! Mit dem Wind zusammen wird die Kälte zu einem wilden Tier, es ist nicht mehr Kälte nur noch Schmerz. Die Kälte lauert überall um uns herum. Es ist unsere Aufgabe, noch vor dem erreichen des Pols, dass dieses wilde Tier so weit wie möglich von uns weg zu halten. Es fühlt sich an, als müsse man einen Schutzwall um sich herum errichten. Dazu gehört noch ein grösserer Wille als zum gehen, aber wenn man aufgibt, kommt das wilde Tier und frisst einem auf, so einfach ist das und man spürt es jede Sekunde da draussen. Der Wind erodiert unseren Willen, so wie er auch die Spitzen der in den Himmel ragenden Eisbrocken, Um 14 Uhr ist es bei Birgit so weit! Sie kann das Tier nicht mehr fernhalten, die Anstrengung, der wenige Schlaf! Sie wird nach der 1. Pause schon nicht mehr warm, um 14h sagt Thomas, er will eine Unterkühlung vermeiden - so bauen wir das Zelt auf. Das wollten wir sowieso, aber später und nicht schon wenn Pol nur noch 12km vor uns liegt. Aber die Entscheidung ist richtig! Es Braucht 3 Wärmeflaschen, 2 Benzinkocher und 2 Stunden bis Birgit wieder warm ist! Wir schlafen und essen etwas und Markus sagt: «Ich habe schon viel gemacht in meinem Leben, aber das hier ist das Härteste!»

Um 12.30 Uhr gehen wir weiter. Wir überqueren eine grosse Fläche junges Eis im vollen Whiteout! Wir müssen nahe zusammen bleiben um uns nicht zu verlieren. Der 80kg schwere Schlitten von Thomas läuft nicht gut auf dem Neuschnee, Markus bekommt weitere Frostbeulen im Gesicht. Langsam sind wir alle am Limit! Um 01.58 Uhr zieht Thomas seinen Revolver und schiesst in die Luft, wir sind da!! Es reicht nicht mal für ein Foto draussen! Markus friert sich die Fingerkuppen beim Versuch des Fotografierens an, so kalt wie jetzt war es noch nie!

Thomas arbeitet wie ein Verrückter, so dass das Zelt innert Minuten steht und wir endlich Schutz finden. Unsere Hände schmerzen als hätten wir mit dem Hammer auf ihnen herumgeschlagen!

Jetzt, am 13.4. um 9 Uhr sitzen wir im Sturm und der Heli kann uns nicht holen, das ist egal. Wir heben genug Essen und Benzin und wir sind da! Wir sind einen weiten Weg gegangen, vor allem in uns selbst, ein jeder von uns. Eine grossartige Erfahrung! Die schönen Momente waren alle Plagen wert. Markus sagt es am besten! Das waren keine 120km gehen es waren 120km harte Arbeit. Wir haben sie in einer sensationellen Teamarbeit gemeistert, nach dem schwierigen Start. Ohne Thomas wären Markus und ich hier rettungslos verloren, keinen einzigen Tag überlebensfähig gewesen. Trotzdem sind wir stolz, wahnsinnig stolz und träumen von einem – bitte nicht zu kalten – Bier!

(Tonaufzeichnung)

Sonntag, 11. April 2010: Eispressungen stören unsere Nachtruhe

Die 6 Stunden, die wir schlafen wollen, werden weniger. Als wir kaum in den Schlafsäcken liegen, fangen sehr nach bei uns heftige Eispressungen an. Es rumort, es ächzt, es knirscht und es quietscht sogar manchmal mit einer Gewalt, die bis in unser Zelt zu spüren ist. Thomas geht nachsehen, dann räumen wir das Zelt auf, alle Sachen in ein Zeltsack, falls wir unser Lager schnell verlassen müssen. Bange Minuten sitzen wir so und lauschen den Eispressungen zu. Jetzt bloss nicht wieder raus müssen, wo uns doch endlich warm wird in unseren Schlafsäcken. Zum Glück hören die Pressungen nach einiger Zeit auf, so schnell wie sie angefangen hatten. Um uns herum ist genügend Knautschzone, sagt Thomas und das Zelt steht auf dickem Eis und wir schlafen. Der Wecker klingelt um 4h morgens, um 6.30h gehen wir los. Schon nach 200 m treffen wie auf die erste Rinne, die wohl in der Nacht aufgegangen ist. Wir laufen lange an der Rinne entlang bis wir einen Übergang finden. Zum ersten Mal suchen wir lange. Es ist ein ganzes Rinnensystem in das wir da geraten sind! Thomas steigt auf hohe Eisblöcke, um sich Überblick zu schaffen, sucht einen tragfähigen Weg. Wenn es sein muss, müssen wir auch über 1 m breite Gräben springen, in denen das schwarze, 4500 m tiefe Wasser plätschert, aber so bleibt es uns schön warm. Die Temperatur liegt bei -25 Grad und es weht ein steifer Wind. Die Finger sind die besten Temperaturanzeiger hier. Wenn man jetzt die Handschuhe auszieht, überspringt man das Kältegefühl und empfindet sofort Schmerzen. Innerhalb einer Sekunde werden die Finger taub. Der schlimmste Moment ist, wenn wir nach den Pausen die Daunenjacke ausziehen und nur in der Gore-tex Jacke weitergehen und es eine ganze Weile dauert bis es einen wieder warm wird.

Aber der Wind, wie wunderschön kann sein Geräusch sein! In den letzten Tagen hat das Knattern und Reissen immer auch negative Drift bedeutet. Jetzt kommt der Wind mit Macht von hinten aus Süden, was für ein Unterschied! Es weht uns jetzt praktisch auf den Pol zu und die Drift ist zum ersten Mal seit 8 Tagen mit uns. Langsam zwar, aber wir sind ja schon dankbar, dass wir nichts mehr verlieren. Stundelang gehen wir fast im Whiteout, immer hinter Thomas' roter Jacke und dem grünen Schlitten mit dem Ajungilakzeichen auf der Rückseite, fast meditativ wird dieser Anblick für uns. Dann schafft es die Sonne durch die Wolkendecke, sie taucht die Landschaft in ein goldenes Licht. Lange Zeit marschieren wir durch bizarre Eisbrüche, in denen wir gute Wege finden. Birgit und Markus plagen heute beide alte Verletzungen am linken Fuss. Die ungewohnt weichen, weiten Schuhe geben wenig Halt, aber wir beissen uns tapfer weiter! Gegen Ende dieses langen Tages, geraten wir wieder in ein Rinnensystem. Heimtückisch ist der Neuschnee auf dem Eis, weil er oft verdeckt wie sumpfig der Untergrund ist! Wir steigen von Scholle zu Scholle! Thomas läuft auf und ab, zieht manchmal erst seinen Schlitten über die wackeligen Übergänge, damit wie einen Rettungsanker hätten, sollten wir durch das sumpfige Pfannkucheneis einbrechen. Keine schöne Vorstellung, aber wir kommen sicher über alle schwierigen Passagen.

Nach 11h sind wir noch 28,8 km vom Pol entfernt, 22,4 km sind wir heute gegangen. Wir schlagen unser Zelt auf bei 89.44.72 östliche Breite 134.52.85 östlicher Länge, um 17.30h abends. Nach 2h ist unser Camp aufgebaut, das Eis aus unseren Gesichtsmasken, Handschuhen und Fellkragen gebürstet, die Filzinnenschuhe aufgehängt und soviel Wasser gekocht, dass wir erst eine Suppe, weiter einen Eintopf und schliesslich noch Vanillepudding mit Himbeeren essen können! Die Wärme des Benzinkochers macht müde, soll sie auch! Jetzt wollen wir schlafen, wieder 6h lang bevor es weiter geht. Mal sehen, wo der Wind und das Eis uns diese Nacht hinbringen, ob wir dann noch 1, 2, oder 3 Etappen brauchen. Vorhersehen kann man das nie, das haben wir hier gelernt, auf einmal kann alles wieder ganz anders sein. Wir gehen weiter!

(aufgezeichnet ab Tonband)

Samstag, 10. April 2010: Distanz zum Pol: 52.5 km

Wir stehen! Es ist windstill! Leicht rieselt der Schnee aufs Zelt. Ein wundervoller Tag liegt hinter uns. Wir haben die Distanz zum Pol auf 52.5 km verringert. Allein heute haben wir 20.9 km geschafft. Die Verhältnisse sind wunderbar. Sonnenschein, dann wieder bewölkt, leichter Wind, wir kommen zügig voran! Ein paar Rinnen halten uns auch nur kurz auf. Eine breite Wasserstelle überwinden wir schnell. Nur 6 cm ist das Eis dick, eher sumpfig, als eisig fühlt sich das an. Aber sogar mit den Rinnen haben wir jetzt Glück! Wir finden immer schnell die besten Übergänge und Markus muss kein Stund hinlegen wie vor 4 Tagen, als er in einer Rinne auf einer sinkenden Scholle stand und nur ein beherzter Sprung nach vorne, mit Ski und Schlitten wohl bemerkt, ihn vor dem -1.5 Grad kalten Wasser rettete! Aber Thomas ist super! Er findet Brücken über die Rinnen und Wege durch die Presseisrücken so schnell, als folge er einer Wegmarkierung. Die Temperatur ist jetzt auf -25 Grad, das ist gut so. Offene Rinnen gefrieren schnell zu, aber auch schlecht, weil wir nur noch sehr kurze Pausen von etwa 10 Min. alle 2 Std. machen können, zu schnell kühlen wir sonst aus. Es ist hier so, dass man sich immer schützen, immer verteidigen muss, man darf keine Sekunde aufhören zu kämpfen! Wenn wir pausieren, würden wir uns am liebsten nur hinsetzen, 5 Min. nicht bewegen. Stattdessen müssen wie unsere Schlitten aufmachen, Becher, Thermosflasche und Essen herausholen. Handschuhe ausziehen, Handschuhe anziehen, nie zu lange auslassen, sonst schmerzen die Finger eine halbe Stunde lang. Mann muss essen, alle 2 Std., sonst geht man unter, jämmerlich unter! Unsere Mägen sind zu Hochleistungsöfen geworden, die ständig neue Nahrung brauchen. Dieser Kampf ist es, der hier alles so besonders macht. Ausser in unseren Schlafsäcken gibt es nie Entspannung, keine Sekunde! Den Wecker haben wir morgen auf 4h früh gestellt. Wir versuchen nun aus den restlichen 2 Etappen 3 zu machen, in dem wir einfach weniger schlafen. Wir wollen zum Pol! Wir sind ein super Team und wir schaffen das!

(aufgezeichnet ab Tonband)

Freitag, 09. April 2010: Von Sysiphus und goldenem Nachtlicht

22.30h, was für ein Tag! Was heute alles passiert ist! Aber ganz der Reihe nach. Am Morgen fangen wir an die Drift zu verfluchen, sie ist über Nacht sogar noch stärker geworden! Wir sind mit fast einem Kilometer pro Stunde zurück gedriftet, von 82,7 auf 87,3km zum Pol. Wir heissen alle Sisyphus hier! Den anderen Teams, die auch unterwegs sind, geht es auch nicht besser als uns, aber ein Trost ist dies auch nicht. Birgit singt zwar «guten Morgen Sonnenschein», aber erst nach 1Std. donnern und wettern! Heute ist der Start schwer. Um 9h gehen wir aus dem Zelt um 50m entfernt in ein Eisfeld zu geraten, dass aussieht wie ein Gemälde von Kaspar David Friedrich, völlig zerstört! Wir sehen vielleicht 500m weit und so weit wir sehen können, nichts als spitze, in den Himmel ragende Eisbrocken! Hier muss vor kurzem noch die Hölle losgewesen sein und da müssen wir hindurch! Das Beste ist, das zwischen den Eisbrocken noch nicht fest gefrorenes Wasser schwappt! Wenn man von den türkis schimmernden mit Neuschnee bedeckten Brocken rutscht, landet man im Sumpf. Mit grösster Vorsicht quälen wir uns auf unseren Skiern und mit den Schlitten an uns hängen, durch diese karge Eiswüste. Zum Teil schnallen wir unsere Skier ab und wuchten unsere Schlitten mit den Händen über das Eis. Für 588m brauchen wir 2Std.! Nach dieser Apokalypse, sinkt die Moral bei Markus und mir. Wie sollen wir so jemals ankommen?! Thomas sagt, wenn mich die Arktis eins gelernt hat, dann ist es Geduld zu haben, schon heute Nachmittag kann es anders sein!
Und es wurde anders. Gestern war es so kalt, dass wir Isolierjacken und 3 Paar Handschuhe überziehen mussten und die Skibrillen von innen und aussen anfroren. Man sieht nichts mehr, kein Licht, kein Schatten. Stundenlang mühen wir uns so dahin, das Thermometer zeigt -20 Grad an und der Sturm bläst, wie seit Tagen von links in unsere Gesichter. Das heisst, die Drift treibt uns noch immer in die verkehrte Richtung. Wieder überqueren wir einige Rinnen von Scholle zu Scholle, um dann einen Lichtstreifen am Horizont zu sehen. Es wird heller! Über uns schiebt sich eine gigantische Wolkenwand, man weiss nicht wo man zuerst hinblicken soll, es scheint als sehen wir hier das Ende des gewaltigen Tiefs, das so lange über uns hing. Wir bleiben stehen. Es ist ein unglaubliches Spektakel, als in den letzten Wolkenfezen die Sonne durchbricht. Wir sehen endlich die arktische Landschaft, blaues Eis, wunderbar bizarre Eisbrüche. Mit rasender Geschwindigkeit schiebt sich die dunkle «Wolken-Nebel-Suppen-Wand» nach Osten davon und weg ist sie! Noch vor 10 Min. sahen wir nichts und jetzt stehen wir im goldenen Nachtlicht und es gibt keine einzige Wolke mehr am Himmel. Markus ist der Erste der wider spricht, was für Minuten, sagt er! Wir jubeln, wir juchzen sogar! Fast möchten wir weinen, so freuen wir uns! Seit Tagen haben wir keinen Himmel gesehen und als Abschlussgeschenk für diesen Tag, können wir in diesem Licht noch über ein weites Eisfeld gleiten, fast darüber fliegen! Was für ein Unterschied zum Morgen! Um 19.30h findet Thomas einen geeigneten Lagerplatz. In 9 1/2h haben wir die Distanz zum Pol von 87,3 auf 73,5 km verringert. Wir sind stolz, wir haben nicht aufgegeben und wir geben weiter nicht auf. Nach 2 Std. im Zelt sind wir gerade mal 200m zurück gedriftet.
Jetzt wissen wir, was unser Freund Victor meinte, als er sagte, die Arktis ist immer unvorsehbar und kein einziger Tag ist gleich! Ein Tag wie ein Traum!

Unsere Koordinaten um 22.30h: 89.20.95 / 140.04.54

(aufgezeichnet ab Tonband)

Donnerstag, 08. April 2010: Nur noch zu dritt

Seit dem letzten Eintrag ist einiges passiert. Jetzt sind wir nur noch zu dritt. Franz und Peter kamen mit den Verhältnissen nicht zu recht. Der Wind, die Presseisrücken, die eigentlich nötige lange Marschdauer, verlangten beiden so viel ab, dass sie ausgeflogen wurden. Am 8.4., als wir morgens aufwachten, hat zum Glück der Wind nachgelassen, die Sicht war besser. Victor kündigt den Flug für 13h an. Um 13h hören wir das Knattern des Helikopters. Chefpilot Alexander setzt den Hubschrauber sicher in einiger Entfernung auf. Victor hilft beim Verladen der Schlitten.
Als der Heli wieder abhebt, ist es für uns drei, Thomas, Markus und mich, als würden wir ein zweites Mal ausgesetzt. Um 13.45h machen wir uns zu dritt wieder auf den Weg. Wir marschieren bis Mitternacht durch, schaffen die Distanz zum Pol bis auf 82,7km zu verringern. Wir kommen jetzt deutlich schneller voran. Türkis leuchtende, riesige Presseisrücken, müssen wir trotzdem überwinden. Der Wind bläst uns dabei ständig ins Gesicht, das heisst, die Drift wird weiterhin gegen uns sein. Das Licht ist diffus, mehrmals fallen wir in Schneeverwehungen, aber trotzdem ist es ein traumhafter Tag heut. Wir kämpfen, wir sind schnell, wir wollen den Pol unbedingt erreichen und doch kann es mit etwas Glück klappen. Das Licht wechselt zu hellblau, wir überqueren eine Wasserrinne auf Eisschollen, augenblicklich ist das sichere Eis ganz anders, Thomas findet aber sichere Wege für uns. Als wir nach 10 Stunden marschieren erschöpft sind, legt er uns Riccolakreuterzucker in den Schnee. Wie eine Lok marschiert er und zieht uns hinterher. Gegen Mitternacht schlagen wir unser Zelt auf. Die Koordinaten 89.15.32/137.31.54.
Doch nach dem Essen, knappe 11/2 Stunden später, sind wir schon wieder ganz wo anders. Der Wind ist stärker geworden und damit die Drift. Die Distanz zum Pol hat sich in dieser kurzen Zeit wieder um 1 km verlängert. Wir beschliessen um 7h aufzustehen, um so wenig Distanz wie möglich zu verlieren. Ganz ohne Drift müssen wir um die 17km am Tag hinter uns bringen.

Unsere Devise ist, um es mit den Worten von Karl Weyprecht zu sprechen; «Nie zurück!» Auch wenn wir noch so weit vom Pol weg sind, wir sind schon 86km über dieses Eis gegangen, wir werden weiter gehen, jetzt erst recht!

(aufgezeichnet ab Tonband)

Mittwoch, 07. April 2010: Im Zelt

Der Wind! Der Wind ist ein Sturm geworden! Gestern sind wir den ganzen Tag mit einem starken Wind aus Nordwest marschiert, die Fellkapuze bläst es uns vor das Gesicht! Manchmal sieht es aus als würde das Wetter besser, hellblau scheint es dann am Horizont, der mit dem Eis zu verschwimmt. Öfters sieht es aus, als würde Thomas, der vorne weg läuft, geradewegs ins Nichts marschieren. Das Licht ist diffus, so dass wir Schneeverwehungen nicht mehr erkennen, aber das Eis ist gut. Weite Eisfelder, keine einzige Rinne, wenig Brüche, aber wir sind langsam und haben eine extreme Drift gegen uns. Es ist -15 Grad, zu warm. Es schneit! So viel Schnee in der Arktis, die eigentlich eine Wüste ist, ist ungewöhnlich. Zum Teil gehen wir durch fast 50 cm hohe Schneeverwehungen, deshalb haben wir aus unserem Zelt eine kleine Werkstatt gemacht. 2 Paar Skier haben wir über dem Benzinkocher angewärmt, dann die Felle aufgewärmt und aufgeklebt. Wir wollten am nächsten Tag ausprobieren, ob es sich damit in dem rutschigen Neuschnee besser läuft. Bei diesen -15 Grad halten auch die Felle gut. Der Zeltaufbau ist schwierig bei diesem starken Wind. Als das Camp fertig ist, sind wir noch 88.9 km vom Pol entfernt, 12.1 km sind wir gegangen. Am nächsten Morgen sind es wieder 94,7 km Distanz zum Pol. Laut zerrt jetzt der Sturm an unseren Zelten, er bläst den Schnee einen Meter hoch gegen die Zeltwände, aber unsere Ausrüstung ist top. Die Zelte trotzen dem Sturm und in den Schlafsäcken ist es kuschelig warm. Die Sicht draussen ist wenige Meter, das Licht diffus. Bei Verlassen des Zeltes fallen wir in eine riesige Wehe, die vorher unsichtbar war. Thomas beschliesst im Zelt zu bleiben. Weitergehen mit dieser Sicht ist ihm zu riskant. Wir rufen in Barneo an. Dort ist die Lage auch nicht besser. Die Mannschaft ist damit beschäftigt die Station zu sichern. Fast weht es ihnen dort die grossen Gemeinschaftszelte davon. Weder die Anatov noch die Hubschrauber können so fliegen. Ein riesiges Tiefdruckgebiet hängt über uns und der Sturm bläst uns immer weiter weg von unserem Ziel. Unsere Lage ist also nicht gerade die beste, aber wir haben es warm, sind sicher, haben jede Menge Essen.

Während der Sturm so über uns tobt, denke ich wieder an Payer und Weyprecht. Die haben sich sicher an solchen Tagen keine Ruhe gegönnt, sonst wären sie jämmerlich erfroren. Was für eine Leistung, die gesamte Mannschaft aus dieser Eishölle herauszubekommen, bis auf den Maschinisten. Der aber starb an einer Krankheit, die nichts mit der Expedition zu tun hatte. Was für ein Überlebenswille, was für eine unglaubliche Kraft dafür nötig gewesen sein muss und aus welch lächerlichen Gründen wir dagegen manchmal einfachere Unternehmungen nicht beenden. Deswegen, selbst wenn wir den Pol nicht erreichen, ist dies hier ein Lehrstück in Demut vor dem was manche Entdecker geleistet haben und deren Namen nie gross wurden, denen kein Denkmal gebaut wurde, die einfach vergessen wurden oder wie viele Menschen kennen die Namen der Payer/Weyprecht Mannschaft. Gemessen daran geht es uns blendend! Es ist hell, es ist warm und wir tun das was wir können. Wir warten, kochen Wasser, trinken Tee.
Ein Glück, dass ausgerechnet heute die ersten beiden Päckchen «Gutelaunetee» in meiner Tagesration waren. Ich bringe eins davon ins andere Zelt und es hilft! Mit einem bisschen Sonne im Herzen ist es sogar urgemütlich in unseren tapferen Zelten.

(aufgezeichnet ab Tonband)

Montag, 05. April 2010: Ostermontag

Unser Camp am Montag hat die Koordinaten 89.07.41 Nord 123.08.15 Ost. Es ist angenehm warm, 15 Grad minus hat es nur, das ist wirklich angenehm. Man kann im Zelt ohne Handschuhe und ohne Kocher schreiben, ohne dass die Finger einfrieren. Der 1. ganze Tag war trotzdem hart. Die ersten Stunden am Vormittag waren in Ordnung, aber dann wurde das Eis schlecht. Eine grosse Rinne hielt uns lange auf. Wir gingen über neues Eis, aufgeworfen zu gewaltigen Presseisrücken, 3,57m schätzt unser Bauingenieur Franz mit gutem Augenmass! Wir klettern und zerren die Schlitten über die Presseisrücken und kämpfen mit kantigem neuem Eis. Morgen will ich meinem Schlitten einen Namen geben, heute hiess er ziemlich oft «du Scheissding» und das mit 40kg, ein Witz! 10km sind wir nach 8h auf diese Weise gekommen, das ist nicht weit, aber die Drift ist noch dazu südöstlich und hat uns die erlaufenen Kilometer zum Teil wieder genommen.
Wie muss das erst für die Mannschaft Payer/Weyprecht 1874 gewesen sein, als sie ihr Schiff verliessen, 2 Monate kämpften und es dann wieder am Horizont auftauchen sahen, weil das Eis sie so weit zurück gebracht hatte. Diese Männer die damals Franz Josef Land entdeckten, schleppten ganze Rettungsboote aus Holz und hatten keine -20 Grad Komfortschlafsäcke wie wir. Man kann sich nicht vorstellen, wozu der Mensch fähig ist.

Das Zelt aufbauen ging heute schon viel leichter. Es ist sehr windig, es schneit leicht, der Himmel ist bedeckt. Heute haben wir die Nachspeise und nicht nur diese, sonder den gesamten Essensbeutel leer gegessen. Mousse au chocolat gab es heute, ohne Handschuhe! Es ist, wie soll man sagen, ein wundervoller Tag!

(aufgezeichnet ab Tonband)

Sonntag, 04. April 2010: Der erste Tag im Eis

Der Abwind des Hubschraubers packt uns mit voller Wucht. Wir liegen über den Schlitten, halten alles fest. Schnell ist der Hubschrauber nach oben geflogen und wir schauen ihm nach, wie er in der tiefstehenden Sonne am Horizont verschwindet. Wir sind alleine im Eis! Der Morgen in Longyearbyen ist jetzt schon weit weg. Die letzte heisse Dusche hatten wir dort, letzte Mails, letzte Telefonate. Am Flughafen wartet die Anatov auf uns, sie bringt uns in 2,15h nach Barneo. Dort wartet Victor mit gefrorenem Bart auf uns, denn er kehrt gerade vom Nordpol zurück. Wir füllen Treibstoff für unsere Kocher ab, packen die Schlitten, essen eine warme Suppe von Walina, der Köchin. Wir benutzen das letzte Mal das Toilettenhäuschen, in dem ein Schild hängt: Next Toilette 1300km! Dann im Helikopter. Wir setzten erst eine Gruppe Kanadier aus.

Unser Startpunkt ist dann auf 88.59.59 Nord 119.25.51 Ost. Wir leben nach Longyearbyenzeit, es ist gerade 15h als wir abgesetzt werden. Um mit dem Sonnenstand zu navigieren brauchen wir aber auch die Ortszeit, nach dieser ist es jetzt 20 Uhr. Wir werden ungefähr entlang des 120igsten Längengrad zum Nordpol marschieren. Jetzt am Abend im Zelt sind wir auf der Position 89.03.16 und 120.23.25 angekommen. Wir sind ungefähr 3 Std. gegangen an diesem 1. Tag und haben etwas mehr als 6 km geschafft! Das Eis war gut, bei mehreren Presseisrücken war es aber schon harte Arbeit, die Schlitten weiterzubekommen. Das Camp ist schnell aufgebaut. Beim Einschalten des Satellitentelefon erreichen uns Ostergrüsse, geschickt von Birgit's Familie. Dann gibt es Rindergeschnetzeltes und der Ofen macht das Zelt warm.

Frohe Ostern!

(aufgezeichnet ab Tonband)

Samstag, 03. April 2010: Thomas an der Nähmaschine

Ein kurzer Windstoß und die Matratze segelt dahin, erste Lektion: alles gut festhalten, beschweren, verpacken, ansonsten wird es davon geweht. Wir bauen unsere Zelte neben dem Guesthouse auf, vermessen die nnenflächen und schneiden Isoliermatten zu. Eine große Matte wird den Zeltboden abdecken, darauf kommen unsere einzelnen Schlafmatten. Thomas ist bei diesem System angelangt, weil es am besten die Kälte von unten abhält.

Die Zelte stehen schnell, ganz auseinander bauen wir sie eh nie. Die Stangen bleiben in den Halterungen, das Zelt kommt als lange Wurst auf den Schlitten, so entfällt das lästige Einfädeln, und das Innenzelt ist auch schon eingebaut. Auf diese Art müssen dann nur noch die Schneehäringe eingesetzt, die Seiten mit Schnee abgedeckt und die Schnüre an den ins Eis gerammten Skiern gespannt werden.
Fertig.

Im Zelt sitzend starten wir die Benzinkocher. Das erst hustende, dann zischende und prustende Geräusch wird die nächsten Tage unsere liebste Melodie werden: Denn kaum ist der Kocher an, wird es warm im Zelt. Ein Traum. Denn bei dem Aufbau in dem schattigen Tal ist es kalt, ein garstiger Wind treibt Schneefahnen flach über den Boden.

Nach dem erfolgreichen Aufbau und Kochertest: Einkaufsfahrt downtown Longyearbyen. Wir halten bei einer Näherin, weil Markus an seiner Goretex Jacke keinen Fellkragen hat. Der Fellkragen ist wichtig: Er sorgt vor dem Gesicht für ein Mikroklima, hält den seitlichen Wind ab und trägt so dazu bei, sich zum Beispiel nicht die Nasenspitze zu erfrieren.

Die Näherin ist skeptisch, sie ist sich nicht sicher, ob sie die Klettverschlüsse richtig annähen wird. Sie lässt Thomas kurzerhand selbst an die Nähmaschine, der mit traumwandlerischer Sicherheit die beiden Klettbänder an die Kapuze stichelt. Das hat er von seiner Oma gelernt, sagt er, und es in seiner Jugend hauptsächlich beim Nähen von Gleitschirm-Prototypen angewendet, die er dann auch gleich selber, manchmal mehr, manchmal weniger erfolgreich, über dem Thunersee getestet hat.

In der Svalbardbutikken kaufen wir noch mal heiße Schokolade und 24 Tütensuppen, für alle Fälle, dann geht es zurück, fertig packen und heißes Wasser in die Thermos füllen.

Um halb vier ist unser Sicherheitstreffen: Allen wird die Satelliten- und GPS-Technik sowie das Funktionieren des Notsenders erklärt, falls Thomas mit seinem Telefon und auch noch Birgit mit dem zweiten Telefon ins Wasser fallen und untergehen. Dann gäbe es noch immer den Notsender, den genauso wie das GPS und die Telefone jeder von uns selbstständig bedienen können muss, um im Extremfall selbstständig Hilfe alarmieren zu können.

Dann ist es so weit: Wir verladen die Schlitten und fahren zum Flughafen, wo die Schlitten kontrolliert, gewogen und verladen werden. Die Magnum, Signalpistolen und unsere Benzinflaschen werden extra verpackt. Es hat sich gelohnt, jeden Gegenstand dreimal umzudrehen und gut auszusortieren: Unsere Schlitten wiegen alle zwischen 30 und 40 Kilo, Thomas 73, aber er wollte nichts mehr abgeben.

Margerita vom Polus Expeditionary Center hält eine Präsentation mit einem Superfilm über den Bau Barneos, erklärt uns, wie der Flug abläuft und warum zum Beispiel die Toilette auf der Antonov nicht in Betrieb ist: Weil es dafür auf dem Flughafen in Spitzbergen keine Entsorgungsmöglichkeit gibt. Die Maschinen, die vom Festland kommen, nehmen allen Abfall auch gleich immer wieder mit. Die Antonov fliegt nun einen Monat immer zwischen Barneo und Spitzbergen hin und her... Das ist Logistik in der Arktis.

Ein letztes richtiges Essen im Kroa: Ente, Burger und Pizza, danach noch Schokoladenfondant.
Morgen vormittag um halb zehn geht unser Flug ins Eis.

Wir werden nicht viel schlafen heute.

Freitag, 02. April 2010: Vanilleeis mit Himbeeren

Das Eis steht uns irgendwann bis an die Knie, aber noch ist es nur Vanilleeis, mit Himbeeren, gefriergetrocknet und aluminiumverpackt. Thomas ist kein Asket, er isst gerne Nachspeisen und findet, wenn wir uns schon so schinden, sollen wir uns abends auch auf was freuen können. Und wenn es die Nachspeise ist.

Um uns herum liegen also: 60 Desserts, von Mousse au Chocolat bis Vanillecreme mit Waldbeeren, außerdem 60 Hauptgerichte (Rindfleisch, Kartoffeltopf, Pasta Bolognese und Rindfleisch mit Reis), 60 Frühstücke (Müsli mit Früchten, Müsli mit Schokolade, Müsli mit Äpfeln), 180 Päckchen Nüsse und Studentenfutter, 180 Energieriegel, 120 Rollen Schokoladendrops, 120 Päckchen Trinkschokolade, 150 Päckchen Kaffee und 180 Teebeutel.

Zusammen mit den fünf Schlitten, den persönlichen Klamotten eines jeden von uns, den zehn Thermoskannen, Trinkbechern, fünf Benzinkochern, den Gore-Tex- und Daunenjacken, den voluminösen Arktis-Schlafsäcken, den Benzinflaschen, Skiern, Stöcken, Fellen, Zuggeschirren, Notfallapotheke, Ersatzski, Reparaturset, Satellitentechnik-Koffer und den Schneeschaufeln gibt das im Flur der Lagerhalle unter dem Guesthouse ein sehr geordnetes Bild. Es sieht aus, als habe jemand ein hervorragend sortiertes Outdoor-Geschäft in eine Schuhschachtel gepackt, kurz geschüttelt und ausgeleert. Und obendrauf thronen noch Signalpistole und eine 44er Magnum. Man weiß ja nie. Aber wir hätten keinen Schweizer Expeditionsleiter, wenn nicht binnen kürzester Zeit Ordnung herrschen würde.

Das heißt: Jeder packt sich insgesamt zwölf Beutel mit seiner Tagesration Essen, 3500 Kalorien für jeden Tag. Am Anfang, sagt Thomas, fällt es einem schwer, das alles aufzuessen, aber «irgendwann geht das runter wie Butter». Dann geht Thomas mit jedem einzeln die komplette Ausrüstung durch, um sicherzugehen, dass wir am Sonntag nicht mit den verkehrten Socken im Eis stecken.

Zwischendurch bekommen wir Besuch von Andreas Umbreit, dem deutschen Spitzbergen-Spezialisten, den Birgit kennt. Wir fragen ihn, ob wir nach unserer Rückkehr vom Pol einen Ausflug mit ihm machen können, nach Piramiden, der verlassenen russischen Bergarbeiterstadt. 120 Kilometer ist Piramiden entfernt, um diese Jahreszeit fahren keine Schiffe dorthin, aber wir können es mit Skidoos versuchen. Andreas findet die Idee klasse. Wenn wir rechtzeitig aus Barneo zurück sind, wird er uns hinführen.

Nach fünf Stunden Packerei ist es Zeit, auch wieder ein paar frische Kalorien in unsere Mägen zu schaufeln. Im Kroa werden wir diesmal von der Kokkefrokost, einem Rindfleischgeschnetzelten mit Pommes, Salat, Toast und Spiegelei einigermaßen satt. Thomas und Birgit packen am Nachmittag weiter, Markus bricht zu einer Tour auf, um seine Stiefel zu testen, Peter und Franz erkunden das in feiertäglicher Ruhe liegende Longyearbyen.

Am Abend geht es in ein neues Burger-Restaurant, wo wir uns mit Andreas treffen wollen, um unsere Piramiden-Tour zu besprechen.

Morgen, Karsamstag, ist der Plan: 7 Uhr aufstehen, weiterpackeln, von 10-14 Uhr die offenen Geschäfte für letzte Besorgungen nützen, am Nachmittag im Freien Zelt aufbauen üben und Kocher testen. Am frühen Abend müssen wir unsere gepackten Schlitten zum Flughafen bringen, die dort gewogen und schon in die Antonovs verladen werden. Am Sonntag, früher Morgen, fliegen wir los. Bis dahin ist noch viel zu tun.

Birgit Lutz-Temsch

Donnerstag, 01. April 2010: Sonne in Spitzbergen

Die ersten spitzen Gipfel tauchen in der Ferne auf. Spitzbergen. Die vereisten, einsamen Inseln im Arktischen Ozean am 78. Breitengrad. Wir fliegen über die Nunataks, die aus den Gletschermeeren ragen. Keine Spur menschlicher Existenz ist zu entdecken, keine Straße, keine Leitungen, Lichter, Häuser, und auch keine Spur von Leben überhaupt: Keine Tiere, keine Bäume, Büsche, nichts. Nur Berge, Eis und Schnee.

Mit uns im Flugzeug: Das Team des französischen Polarforschers Jean-Louis Etienne, der mit einem Ballon zum Nordpol fliegen will. Am Flughafen: Victor, Alexander und Leo, das russische Empfangskomitee der Gäste für Barneo. Victor bringt uns ins Guesthouse, wo Thomas seinen Lagerraum hat. Hier warten unsere Ski und Schlitten auf uns. Verhältnismäßig war, ist es, nur zehn Grad minus.

Nebenan: Die Galleri Svalbard, eine kleine Kunstgalerie mit Werken lokaler Künstler. Wir haben Hunger und es zieht uns weiter ins Kroa, wo wir uns so auf das Pfeffersteak freuen, aber die Portionen sind irgendwie kleiner geworden, wir werden nicht satt. Und ordern noch Pizza und Fischsuppe hinterher. Wir müssen es ausnützen, so lange wir noch Essen vor uns haben, das wir nicht mit heißem Wasser übergießen müssen, damit es aufquillt.

Longyearbyen ist klein, auch Jean-Louis Etienne und sein Team essen im Kroa, Victor und Eric Phillips, ein anderer Last-Degree-Führer kommen dazu. Aber der Abend ist wieder kurz - sportlich liegen wir um 23 Uhr im Bett. Draußen hängt das blaue Licht, in das sich im Westen dunkelrot über den Horizont greifende Finger mischen, der stundenlange Sonnenuntergang, der zu dieser Zeit gleich wieder übergeht in den Sonnenaufgang. Wer hier einen Sundowner trinken will, hat viel zu tun. Morgen geht es ans Schlitten packen.

Birgit Lutz-Temsch

Mittwoch, 31. März 2010: Regen in Oslo

Man muss schon ein bisschen verrückt sein, aus dem schönsten Frühling wieder mitten in den Winter, oder was von ihm hier noch übrig ist, zu fahren. Kurz vor Oslo taucht der Flieger in eine dicke Suppe, draußen ist die Luft feucht, es regnet Löcher in den Schnee, 2 Grad Plus hat es hier, genau diese Art feuchter Kälte, die in die Knochen kriecht und die Art von weißgrauem Wolkenhimmel, bei dem man viel sieht, aber keinen Himmel.

Im Hotel: Essen wir zum ersten Mal gemeinsam zu Abend, Essen ist wichtig, Gemeinsames von jetzt an auch. Die Strecke muss zwar jeder alleine gehen, aber das Team muss zusammen funktionieren. Thomas erklärt die Driftmuster, denen das Eis folgt. Peter erzählt von seiner Pik Lenin Expedition, die er im vergangenen Jahr unternommen hat, und die Markus in diesem Jahr noch vor hat. Franz wird nur eine Woche nach der Rückkehr zum Mount McKinley aufbrechen. Unsportlich ist hier so richtig niemand.

Aus Barneo erreicht uns die Nachricht: 35 Grad Minus. Das ist zapfig.

Der Abend ist kurz - morgen um halb sieben geht es weiter.

Birgit Lutz-Temsch

Freitag, 26. März 2010: Vorfreude

Es geht los! Noch fünf Tage. Dann brechen wir auf, Richtung Norden. Am 31. März verlassen wir den Frühling, die Wärme, die in den vergangenen Tagen schon so gut tat. Gleichzeitig aber ein ungutes Gefühl machte: Jetzt nur nicht weich werden, nur nicht die Kälte vergessen!

Am Mittwoch also geht es los. Am Abend treffen wir uns in Oslo. Von dort fliegen wir am nächsten Tag weiter über Tromsö nach Longyearbyen auf Spitzbergen. Hinein in das blaue Licht, jene wundervollen Farbspiele, die in diesen Wochen des kommenden Polartags für so viele Stunden des Tags über den weißen Bergen der Inseln liegen. Hinein in die Arktis.

In Longyearbyen haben wir es noch gut: Wir schlafen in einem warmen Guesthouse, in weichen Betten. Wir haben Duschen und Toiletten und warmes Essen im Kroa, einer urigen Kneipe mit eigenwilligen Pizza-Kreationen. Unsere Aufgabe in diesen Tagen: Schlitten packen, Ausrüstung überprüfen, Gepäck verteilen.

Am Sonntagmorgen können wir zum letzten Mal morgens aufstehen, ohne sofort zu frieren. Wir ziehen unsere wärmsten Stiefel an und die Jacken mit den Fellkapuzen. Und steigen in die Antonov, die uns nach Barneo bringt, hinauf zum 89. Breitengrad.

Und dann geht es richtig los. 120 Kilometer, der letzte Breitengrad zum Nordpol, liegen vor uns. 120 Kilometer Meereis, zerrissen und aufgetürmt zu meterhohen Hummocks, über die wir mitsamt Schlitten klettern müssen, offene Wasserstellen, denen wir ausweichen müssen. Von nun an sind unsere Körper die einzige Wärmequelle. Die Temperaturen werden zwischen 25 und 40 Grad Minus liegen und die Sonne wird nicht untergehen.

Wenn wir Glück haben, wird die Drift mit uns sein, das heißt, die Strömung wird nordwärts verlaufen und uns Kilometer abnehmen. Wenn wir Pech haben, driftet das Eis südwärts, negative Drift nennt man das, wir werden gehen und gehen und in der Nacht wieder zurück driften. Auch das kann passieren. Dann wird die Strecke eben länger, die wir gehen müssen. Aber wir gehen sie!

Wir, das sind:
Thomas Ulrich, Expeditionsleiter,
Schweiz Peter Ladrière, Schweiz
Markus Merk, Deutschland
Franz Schöndorfer, Deutschland
Birgit Lutz-Temsch, Deutschland

Und in unseren Basislagern
in Interlaken: Hans Ambühl, Martin Stettler
in Barneo: Victor Boyarsky

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